Wintertime...über Regeneration und was uns daran hindert

“Wenn Du vernünftig bist, erweise dich als Schale, nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,
während jene wartet, bis sie gefüllt ist.
Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt,
ohne eigenen Schaden weiter, denn sie weiß,
dass der verflucht ist, der seinen Teil verringert…

Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluß, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen. Ich möchte nicht reicht werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle; wenn nicht, schone dich.”

Bernhard von Clairvaux (1090 - 1153), mittelalterlicher Abt und Mystiker

Als ich das zum ersten Mal las, war ich dankbar für die wichtige Erinnerung. Wie oft neigen wir modernen, pflichtschuldigen, leistungsorientierten, strebsamen, “guten” Menschen dazu, uns über die Maßen zu verausgaben? Immer häufiger steuern wir auf Burn Out und Depression zu, erkranken wir an Krebs und anderen schweren Störungen. Auch bevor wirklich gravierende Erkrankungen sich manifestieren erhalten wir schon viele kleinere oder größere Hinweise darauf, dass wir dabei sind, uns zu erschöpfen. Häufige Müdigkeit auch tagsüber, tief sitzende und wiederkehrende oder bereits chronische Rückenschmerzen, ständige Nackenverspannungen, Kopfschmerzen, ständig kalte Füße, nächtliches Zähneknirschen, Tinnitus, Schlaf- und Verdauungsstörungen sind nur einige von vielen Symptomen, die uns anzeigen, dass wir bereits überlastet sind und unsere regenerativen (Yin-)Kräfte überfordern.

Wieso wir das tun? Nun, das mag äußerlich betrachtet sehr unterschiedliche Gründe haben, die es sich für jeden einzelnen lohnt, bei sich selbst zu erforschen. In meinem Fall zum Beispiel hat es viel damit zu tun, was mir zu Hause vorgelebt worden ist. Sich zu überfordern, bis weit über die eigenen Grenzen zu gehen, sich anzustrengen und bis zum Zusammenbruch zu verausgaben war und ist ein gängiges Muster in meiner Herkunftsfamilie. Ehrgeiz, Perfektionismus, ein überaus hoher Anspruch an uns selbst ist ein Teil dessen, was uns antreibt. Auch Pflichtgefühl, übertriebene Rechtschaffenheit, ein starker Beschützerinstinkt und ein übersteigertes Verantwortungsgefühl für andere spielen mit hinein.
Ich könnte jetzt noch viele weitere Beispiele anführen - ich denke, jeder, der das hier gerade liest, könnte eigene ergänzen.

Aber egal, welches Muster uns jeweils in die Erschöpfung treibt, dem zugrunde liegt immer ein Mangel an Selbstgefühl. Ein Mangel an Selbstliebe. Ein Mangel an spiritueller Anbindung. Und Angst. Angst, nicht zu genügen, nicht gemocht zu werden, Angst vor Ärger, vor Ablehnung, vor Strafe, davor, nicht dazu zu gehören. Angst zu versagen, die “Kontrolle” zu verlieren (haben wir jemals welche gehabt?). Angst in jeglicher Farbe und Form, jeglichem Geschmack.

Wir haben alle mehr oder weniger den Bezug zu unserem tiefsten Kern verloren, dem Kern, der weiß, wer wir sind und was wir eigentlich brauchen. Unserem Herzen, unserem Bauchgefühl, dem Gefühl für unseren Körper und unsere Bedürfnisse. Und der tiefen, alles durchströmenden Ur-Kraft und -Lebendigkeit, der Quelle allen Daseins, dem Dao, dem Universum, Gott - wie immer wir diese tiefere und gleichzeitig höhere, unendliche und ewige Ebene nennen wollen. Diese Ebene, die uns tragen, uns Orientierung geben und uns oft so unerwartet und so unvorstellbar kreativ Unterstützung gewähren würde - wenn wir sie nur ließen.

Wie wir da raus kommen? Wie wir zurück finden zu uns, zu unserem Vertrauen ins Leben, zu unserem klaren Gefühl für uns selbst und für andere, für Situationen und Lösungen? Wie wir wieder lernen “überzuströmen, nicht auszuströmen”? Indem wir inne halten. Indem wir unser Herz aufmachen. Indem wir unseren Geist loslassen. Indem wir in unseren Körper zurückkehren. Indem wir üben, freundlich mit uns selbst zu sein und uns selbst zu bemuttern. Indem wir ausruhen, wenn wir müde sind. Indem wir uns gutes, nahrhaftes Essen gönnen in Mengen, die wir verdauen können. Indem wir tragende, nährende Beziehungen kreieren. Indem wir lernen “Nein, danke.” zusagen. Indem wir lernen “Ja, danke!” zu sagen.

Und indem wir uns mit dem konfrontieren, was uns bisher an all dem hindert. Indem wir unseren Schatten begegnen. Und lernen, sie nicht mehr zu fürchten, sondern zu integrieren. Sie zu begrüßen wie einen alten Freund, mit dem wir lange nicht mehr gesprochen haben. Liebevoll, respektvoll, neugierig. Auf Augenhöhe. Ohne Wertung. Und unseren alten Wunden hierdurch die Gelegenheit geben, allmählich zu heilen. Ohne zu fühlen, geht es nicht. Ohne auch die schmerzlichen, peinlichen, ungeliebten, unpassenden und unerlaubten Gefühle zuzulassen, geht es nicht.

Aus meinem Leben als Heilpraktikerin, Lehrerin und Menschin kann ich berichten: All die guten Ratschläge zum Thema “Burn Out-Prävention”, zum Thema “mehr Gelassenheit im Alltag”, zum Thema “Leben mit Bluthochdruck” etc. pp. sind gut und richtig - und scheitern. Scheitern immer wieder daran, dass sie nur bemüht sind, die Oberfläche zu verbessern, dass sie nur an unserem Verhalten ansetzen und nicht an den viel wirksameren Kräften darunter.

Wenn wir also wieder eine Schale werden wollen, wenn wir wieder lernen wollen, uns erst anzufüllen und erst dann überzuströmen und uns freigiebig zu verschenken - dann brauchen wir wieder eine freundliche, wohlwollende, fürsorgliche, mitfühlende und nährende Beziehung zu uns selbst und zum Leben. Wie wir die herstellen? Davon handelt dieser Blog - wenn ich gerade Dein Lied gesungen habe, dann schau einfach wieder rein!

Und jetzt wünsche ich uns allen, die mit mir in diesem Boot sitzen, die nächste lust- und genußvolle Pause - viel Spaß beim Tanken und bis zum nächsten Mal,

Lynn

Lynn Haetzel